ein Beitrag von Carsten Böhme
In wenigen Tagen laufe ich den Trail des Bogomiles – 100 Kilometer, knapp 4.000 Höhenmeter. Ein Rennen, das ich liebe und auf das ich mich lange vorbereitet habe. Körperlich, ja – aber vor allem auch mental.
Denn in der Ultra-Distanz entscheidet am Ende nicht die Form des Tages, sondern etwas Tieferes: die mentale Widerstandskraft, die Fähigkeit, fokussiert zu bleiben, sich selbst zu regulieren – und trotz Müdigkeit, Schmerzen oder Ungewissheit den eigenen Weg weiterzugehen. Ich weiß, wovon ich rede. Es ist mein dritter Ultralauf.
In den letzten Tagen bin ich oft gefragt worden:
Wie schafft man so etwas? Was braucht es, um so ein Ziel zu erreichen?
Diese Frage trifft einen Nerv – nicht nur bei mir, sondern auch in vielen Führungsetagen, Projekten, Lebenssituationen. Denn wie oft fragen wir uns im Nachhinein, wie er oder sie Unglaubliches erreicht haben? Sicherlich in der Regel nicht durch Zufall.
Um große Ziele zu erreichen, sei es im Sport, im Beruf, im Leben, verfolgen Menschen ähnlichen Prinzipien. Durch meine Erfahrungen als Unternehmensberater, Sportler und Trainer erlebe ich diese Parallelen immer wieder. Und vieles davon ist heute auch wissenschaftlich gut untersucht.
1. Selbstwirksamkeit – der wichtigste Muskel im Kopf
Einer der zentralen Faktoren, den die Sportpsychologie in den letzten Jahren herausgestellt hat, ist die Selbstwirksamkeit – also der Glaube an die eigene Fähigkeit, schwierige Situationen zu meistern (Bandura, 1997).
Studien zeigen: Athleten und Athletinnen mit hoher Selbstwirksamkeit können mit Stress, Rückschlägen und Unsicherheit deutlich besser umgehen – und zeigen konstantere Leistungen, auch unter Druck.
Für mich bedeutet das: Ich trainiere nicht nur den Körper – sondern auch das Vertrauen, dass ich Krisen durchstehen kann. Dass ich Lösungen finde. Dass ich ankommen werde.
Im Ultratrail ist dieser Glaube kein „Mindset-Trick“, sondern ein echter Überlebensfaktor.
2. Zeitperspektive – denken in Etappen und im Ganzen
Ein weiteres spannendes Forschungsfeld ist die Zeitperspektive (Zimbardo & Boyd, 1999): Wie stark orientieren wir uns an der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft – und wie wirkt sich das auf unser Verhalten aus?
Gerade im Ausdauersport zeigt sich: Wer nur aufs große Ziel fixiert ist, verliert sich leicht in Ungeduld. Wer sich aber im Moment verliert, vergisst den roten Faden.
Erfolgreiche Athleten schaffen es, flexibel zwischen Zeitebenen zu wechseln – und sich in harten Phasen kurzfristige Ziele zu setzen („Bis zur nächsten Verpflegungsstation“) – ohne das große Ganze aus dem Blick zu verlieren.
Auch das ist trainierbar – und im Berufsleben ebenso relevant: Projektverantwortung, Transformationsprozesse, Führung – alles verlangt dieses Denken in Etappen mit Richtung.
3. Psychologische Fertigkeiten – trainierbar wie Ausdauer und Kraft
Die große Stärke des Leistungssports liegt heute darin, dass mentale Fähigkeiten nicht mehr als Zufall oder Charaktersache gelten, sondern als trainierbare Skills. Dazu zählen:
- Aufmerksamkeitssteuerung (Fokus auf das Relevante)
- Stresstoleranz (Umgang mit innerem und äußerem Druck)
- Emotionsregulation (nicht zu verwechseln mit Unterdrückung)
- Kognitive Flexibilität (Umdeuten, Reframing, Plan B)
Im Ultratrail begegnet mir das bei jeder längeren Einheit:
- Wie bleibe ich fokussiert, wenn der Kopf abschweift?
- Wie reagiere ich auf ein körperliches Tief?
- Was denke ich, wenn plötzlich Zweifel aufkommen?
Das mentale Training gehört für mich genauso dazu wie lange Läufe, Höhenmeter und Ernährung – und es ist längst Teil meiner Unternehmertätigkeit und bei der Arbeit mit Menschen in Veränderungsprozessen geworden.
4. Emotionen – zulassen, ohne sich von ihnen steuern zu lassen
Ultraläufe sind emotionale Reisen.
Es gibt Momente der Euphorie, des Flows. Es gibt Phasen, in denen alles sinnlos erscheint. Und es gibt Abschnitte, in denen man einfach leer ist.
Sportpsychologisch betrachtet spielt hier die Fähigkeit zur Emotionsregulation eine entscheidende Rolle. Es geht nicht darum, Gefühle zu unterdrücken – sondern darum, sie zu erkennen, zu benennen und durch sie hindurch handlungsfähig zu bleiben.
Erfahrene Sportler berichten, dass sie gelernt haben, Emotionen zu „beobachten, ohne ihnen hinterherzulaufen“.
Auch in meiner Arbeit als bzw. mit Führungskräften und Teams sehe ich: Wer mit Emotionen umgehen kann – auch den eigenen -, führt souveräner, klarer und menschlicher.
5. Anpassungsfähigkeit – statt starrer Zielverfolgung
Kein Rennen verläuft wie geplant. Beim Trail des Bogomiles wird es vielleicht heißer als gedacht. Oder kühler. Vielleicht reagiere ich auf ein Gel. Vielleicht verliere ich Zeit, weil ich mich verlaufe.
Und genau hier zeigt sich, was viele Studien bestätigen:
Anpassungsfähigkeit, auch als „psychologische Flexibilität“ bezeichnet, ist eine Schlüsselkompetenz im Hochleistungssport. Sie erlaubt es Athlet*innen, Ziele nicht aufzugeben, aber Wege zu verändern.
Das ist kein Scheitern – sondern strategisches Verhalten unter realen Bedingungen.
Auch im Business sind es oft nicht die starr Zielstrebigen, die gewinnen, sondern die, die reagieren können – ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren.
6. Der Transfer: Vom Trail in den Alltag
Was nehme ich also mit – für mich, für meine Arbeit, für andere?
- Dass große Ziele wichtig sind, aber Vorbereitung brauchen und auch die Fähigkeit, flexibel zu reagieren.
- Dass mentale Stärke kein Mythos ist, sondern das Ergebnis konsequenter Auseinandersetzung.
- Dass emotionale Klarheit und strategisches Denken kein Widerspruch sind – im Gegenteil.
- Dass Kommunikation – mit sich selbst, mit anderen – ein zentraler Bestandteil jeder Langstreckenleistung ist.
Und vor allem: Dass sich der Blick nach innen lohnt, bevor man sich auf den langen Weg nach draußen macht.
Persönlich gesprochen:
Ich freue mich auf das Rennen. Ich bin bereit – nicht nur, weil ich trainiert habe. Sondern weil ich weiß, worauf es ankommt, wenn es schwer wird.
Weil ich weiß, was ich tun kann, wenn Dinge anders laufen.
Und weil ich eines über all die Jahre gelernt habe:
Der Kopf läuft mit. Immer.
Wenn Du Fragen zum Thema mentale Stärke, Ultra-Vorbereitung oder Transfer in den beruflichen Kontext hast – schreib mir gern. Auch gerne in Bezug auf meine Trainer- und Beratertätigkeit.
Und: lauf einfach mal los. Manchmal beginnt Klarheit mit dem ersten Schritt.her Intuition und maschineller Präzision. Die Herausforderung ist nicht, ob KI kreativ sein kann. Sondern, ob wir bereit sind, kreativ mit ihr umzugehen.
Schreibe gerne direkt an: info@trencavel-cie.com
(c) Trencavel Cie. – Oktober 2025

