ein Debattenbeitrag von Carsten Böhme
Künstliche Intelligenz gilt vielen als Motor einer neuen technologischen Ära – mit dem Versprechen, Innovation zu beschleunigen, Wohlstand zu steigern und den Zugang zu Wissen zu demokratisieren. Umso mehr provoziert der kürzlich erschienene Artikel in der Frankfurter Allgemeine Zeitung mit dem Titel „Warum die KI eine Fortschrittsfalle ist“ – geschrieben von Viktor Mayer-Schönberger (Professor für Internet Governance in Oxford) und Thomas Ramge (Einstein Center Digital Future).
In dem Beitrag argumentieren die beiden Autoren, dass KI letztlich nichts wirklich Neues hervorbringe, sondern bestenfalls das Alte neu aufbereite – und damit echten Fortschritt eher verhindere als ermögliche. Quasi eine Fortschrittfalle aus dem Bilderbuch.
Diese These greift einen wahren Kern auf – verkennt aber zugleich die Vielschichtigkeit technologischen Fortschritts und das Potenzial künstlicher Intelligenz als Werkzeug zur Kombination, Verdichtung und Anwendung vorhandenen Wissens in bisher nicht möglicher Weise.
Und warum triggert mich der Beitrag? Gerade in einem innovationskritischen Umfeld wie Deutschland entfaltet ein solcher Beitrag eine besondere Sprengkraft: Er stärkt nicht nur bestehende Vorbehalte, sondern kann auch dringend notwendige Innovationsbereitschaft und Veränderungsenergie bremsen – etwas was wir nicht brauchen können, möchten wir wettbewerbsfähig bleiben.
Fortschritt ist mehr als Originalität
Zweifellos: Generative KI-Modelle wie ChatGPT, Claude oder Gemini beruhen auf historischen Daten. Sie sind trainiert auf Sprache, Bilder oder Zahlen aus der Vergangenheit – und damit an das gebunden, was bereits gesagt, geschrieben oder berechnet wurde. Daraus zu folgern, dass sie keinen Fortschritt ermöglichen, ist jedoch zu kurz gegriffen.
In der Innovationsforschung wird Fortschritt oft nicht als radikaler Bruch verstanden, sondern als emergente Kombination bestehender Ideen und Technologien. Der Ökonom W. Brian Arthur beschreibt in seinem Werk „The Nature of Technology“ (2009), wie technologische Neuerungen meist nicht aus dem Nichts entstehen, sondern durch neue Kombinationen vorhandener Elemente. Genau hier entfaltet KI ihre Stärke.
Kombinatorische Kreativität: KI ist kein Dichter, aber ein Architekt
Auch menschliche Kreativität basiert häufig auf Re-Kombination. Die britische Kognitionswissenschaftlerin Margaret Boden unterscheidet in „The Creative Mind“ zwischen drei Arten von Kreativität – darunter die kombinatorische Kreativität, bei der bestehende Ideen neu zusammengeführt werden. In dieser Kategorie ist KI durchaus konkurrenzfähig.
Praktische Beispiele zeigen, wie daraus entsprechend Fortschritt entsteht:
- AlphaFold von DeepMind hat die Vorhersage von Proteinstrukturen revolutioniert – auf Basis bestehender Daten, aber mit Methoden, die jahrzehntelange Forschungsschritte in kurzer Zeit ermöglichten.
- GitHub Copilot steigert die Produktivität von Entwicklern signifikant – es erfindet keinen neuen Code, aber verändert die Art und Weise, wie Software entwickelt wird.
- In der Finanzbranche zeigen Fonds wie der von Omphalos Fund, wie KI-basierte Ensemblemodelle robuste Vorhersagen in volatilen Märkten liefern – und damit Entscheidungen ermöglichen, die klassische Modelle nicht leisten können.
Die wahre Fortschrittsfalle liegt im Denken, nicht im Code
Dennoch lohnt die Warnung vor einer unreflektierten Fortschrittseuphorie: KI ist natürlich kein Allheilmittel – und ChatGPT kann auch keine Lottozahlen oder Börsenkurse vorhersagen. Denn sie ist geprägt von den Daten, auf denen sie basiert – mitsamt aller Verzerrungen, Ungleichgewichte und kultureller Prägungen. Wer sie unkritisch als „objektiv“ oder „intelligent“ einsetzt, läuft Gefahr, nicht nur Vorurteile zu zementieren, sondern echte Innovationspotenziale zu verfehlen.
Die eigentliche Fortschrittsfalle liegt daher nicht in der Technologie selbst, sondern im Denken darüber: in der Überhöhung ihrer Fähigkeiten und der gleichzeitigen Entwertung menschlicher Urteilskraft, Neugier und Gestaltungswillen.
Mein Fazit: Fortschritt entsteht im Zusammenspiel von Mensch und Maschine
Künstliche Intelligenz ersetzt keine Visionen. Aber sie kann helfen, bessere Fragen zu stellen, Muster zu erkennen, die sonst verborgen bleiben würden, und Lösungen zu entwickeln, die sich aus der bloßen Addition menschlicher Erfahrung nicht ergeben hätten.
Dabei ist wichtig zu unterscheiden, dass künstliche Intelligenz nicht gleich künstliche Intelligenz ist. GenAI, TSF oder aber Reinforcement Learning unterscheiden sich grundlegend in Funktionsweise und Einsatzgebieten.
Fortschritt entsteht folglich nicht trotz KI – sondern gerade durch die intelligente Verbindung von menschlicher Intuition und maschineller Präzision. Die Herausforderung ist nicht, ob KI kreativ sein kann. Sondern, ob wir bereit sind, kreativ mit ihr umzugehen.
Was ist Ihre Meinung und Einschätzung?
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(c) Trencavel Cie. – Juli 2025

