Der ‚Ultralauf‘ als Metapher für Führung und Transformation

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Führung ist ein Langstreckenlauf, kein Sprint.‘ Diese oft bemühte Metapher bekommt eine tiefere Bedeutung, wenn man sie mit den realen Erfahrungen eines Ultralaufs vergleicht. Insbesondere die jüngste Berichterstattung* über Athletinnen wie Elise Zender und Carla André, die sich extremen physischen und mentalen Herausforderungen stellen, zeigt faszinierende Parallelen zur Welt der Unternehmensführung und strategischen Transformation auf.

Ich durfte bei meinen Ultraläufen am eigenen Körper erfahren, was an dieser Metapher letztendlich wirklich dran ist, wie entscheidend mentale Widerstandsfähigkeit, strategische Energieeinteilung und der richtige Fokus sind. Diese Erlebnisse extrem langer, körperlichen Belastungen haben nicht nur mich persönlich geprägt, sondern auch meine Herangehensweise als Entrepreneur und in der Beratung von Unternehmen und Führungskräften.

Was Unternehmen von Ultraläufern lernen können

Ultraläufe sind Wettkämpfe, die oft Hunderte von Kilometern unter extremen Bedingungen umfassen. Es ist heiss, kalt oder nass. Es geht hoch oder runter. Man rutscht, stolpert oder klettert. Ultraläufe erfordern nicht nur körperliche Fitness, sondern auch eine mentale Widerstandsfähigkeit, eine kluge Ressourcenplanung und eine durchdachte Strategie. Diese Elemente lassen sich direkt auf Führung und Transformation in Unternehmen übertragen.

1. Flow statt Aggression: Der richtige Ansatz macht den Unterschied

Ein zentraler Punkt, den ich in dem FAZ-Beitrag wiedergefunden habe: Je länger die Distanz, desto weniger zählt rohe Kraft. Flow-orientierte Strategien schlagen kurzfristige Aggressivität.

Viele börsennotierte Unternehmen leben von Quartalsergebnissen und täglichem Performancedruck. Das erschwert langfristige Visionen und Transformationen. Wer jedoch Transformation führen will, muss lernen, Energie gezielt zu dosieren, strategische Pausen einzulegen und sich nicht von jedem kurzfristigen Rückschlag aus dem Konzept bringen zu lassen. Antje von Dewitz, die Vaude transformiert hat, ist ein gutes Beispiel dafür, dass nachhaltige Strategien erfolgreicher sein können als kurzfristige Gewinnmaximierung.

2. Mentale Stärke: Der Kopf entscheidet über Erfolg oder Scheitern

Ultramarathon-Läufer wissen: Es gibt Tiefpunkte. Wer diese übersteht, gewinnt. Studien zeigen, dass Frauen oft eine höhere Schmerztoleranz haben und langfristig stabilere Leistungen abrufen können. Sie neigen dazu, pragmatischere Entscheidungen zu treffen und weniger von Ego oder aggressivem Wettkampfdenken getrieben zu sein.

In Unternehmen gilt das Gleiche: Transformationen sind keine glatten Prozesse. Widerstände, Krisen und Umwege sind normal. Entscheidend ist die mentale Widerstandsfähigkeit der Führungsteams. Wer Transformation führt, braucht eine Mischung aus strategischer Geduld und Resilienz.

Ich erinnere mich an Momente in meinen eigenen Ultraläufen, in denen der Körper schwach, und so der Kopf entscheidend wurde. Diese Erfahrung hilft mir auch in der Beratung: Unternehmen und Führungskräfte stehen vor Herausforderungen, die sich nicht sofort lösen lassen. Es geht darum, den Fokus zu behalten, Geduld an der richtigen Stelle zu haben, Ressourcen richtig einzuteilen und Krisen als Teil des Prozesses zu verstehen.

3. Langfristigkeit vs. kurzfristiger Druck: Ein Problem im Asset Management

Besonders im Asset Management, eine meiner Kernbranchen, zeigt sich die Spannung zwischen kurzfristiger Bewertung und langfristigem Erfolg. Fondsmanager werden täglich mit Benchmark-Vergleichen und Rankings konfrontiert. Das erschwert es, eine Flow-Strategie aufzubauen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum es vergleichsweise wenige Fondsmanagerinnen gibt: Sie motivieren sich anders und fokussieren oft stärker auf langfristige Strategien statt auf tägliche Peergroup-Wettbewerbe.

Ein Game-Changer könnten in dem Zusammenhang das KI-gestütztes Asset Management werden. Wenn Algorithmen teilweise (oder gar komplett) den Investmentprozess übernehmen, könnte das menschlichen Fondsmanagern mehr Raum für strategisches Denken geben – ein Ansatz, der bislang in der Branche kaum genutzt wird. Allerdings erfordert auch der Aufbau einer funktionierenden KI-Plattform eine ausgeprägte Ausdauerfähigkeit – und die Bereitschaft Rückschläge als Chancen zu verstehen, denn davon gibt es ehr viele. Die Lernkurve für die Entwicklung eines KI-Trading-Agent ist extrem lang, Abkürzungen sind nicht so einfach einzubauen.

Fazit: Wer Transformation führt, muss wie ein Ultraläufer agieren

Die Prinzipien eines erfolgreichen Ultralaufs – kluge Energiewirtschaft, mentale Stärke, langfristige Strategie – sind essenziell für jede Unternehmensführung, die Wandel gestalten will. Der FAZ-Artikel über den Erfolg von Extremsportlerinnen zeigt, dass aussergewöhnliche Ziele nicht durch kurzfristige Aggressivität, sondern durch strategische Widerstandsfähigkeit und Flow erreicht werden. Wer Transformation und Strategie ernst nimmt, sollte sich weniger an Sprint-Logiken orientieren – und mehr an den Prinzipien des Ultralaufs.


*Weiterlesen: Der FAZ-Artikel zum Thema Ultraläufe und mentale Stärke